Mit seiner zweiten Spielzeit führt Josep Pons die Sphäre »Universum Hildegard« fort – und rückt damit erneut eine Denkerin ins Zentrum, für die Musik, Natur und Spiritualität untrennbar verbunden waren. Hildegard von Bingen verstand die Welt als lebendigen Kreislauf: von der Schöpfung über Wandlung und Erkenntnis bis zur inneren Einkehr. Drei Konzertwochen entfalten diesen Gedanken als vielschichtigen musikalischen Zusammenhang: Am Anfang steht das Fließende: In Claude Debussys »La mer« und Gustav Mahlers »Das Lied von der Erde« erscheinen Wasser und Erde nicht nur als Naturbilder, sondern als Resonanzräume menschlicher Erfahrung. Debussys fließende Klangbewegungen und Mahlers existenzielle Gesänge spiegeln eine Welt im Wandel – zwischen Aufbruch und Abschied, zwischen äußerer Wahrnehmung und innerer Reflexion und ganz im Sinne Hildegards, für die Schöpfung immer auch seelische Erfahrung ist. Im zweiten Programm verschiebt sich der Fokus auf Übergänge und Verwandlung. Richard Strauss’ »Tod und Verklärung« und die »Vier letzten Lieder« kreisen um das Ende als Durchgang, während Jüri Reinveres »Lied von den zwei Erden« den Gedanken weiterführt: Vergangenheit und Gegenwart treten in Beziehung, Verantwortung und Neubeginn werden hörbar. Der Kreislauf setzt sich fort – nicht als Wiederholung, sondern als Weiterdenken. Das dritte Programm öffnet schließlich den Blick in einen größeren Zusammenhang. Werke von Rebel, Vivaldi, Telemann und Rameau zeichnen Natur als bewegte, elementare Kraft, während Sofia Gubaidulina und Kaija Saariaho nach innen lauschen. Im Zentrum stehen die Gesänge Hildegards selbst: als Ursprung und Bezugspunkt, als Verbindung von Kosmos und Seele. So entsteht ein Kreislauf: Wasser, Erde, Licht; Außen und Innen; Anfang und Verwandlung. Was sich durch alle Programme zieht, ist die Idee des Übergangs – nicht als Bruch, sondern als Bewegung. Oder, mit Hildegard gedacht: als Klang, der weiterträgt.