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Neue CD von Joseph Moog

Brahms Klavierkonzert Nr.2 - Strauss Burleske

  19.12.2017 | 10:00 Uhr

Gerade ist bei ONYX Classics Joseph Moogs neues Album erschienen. Gemeinsam mit der Deutschen Radio Philharmonie spielt er unter der Leitung von Nicholas Milton das 2. Klavierkonzert in B-Dur von Johannes Brahms und die Burleske von Richard Strauss.


Brahms war 48 Jahre alt und auf der Höhe seiner künstlerischen Schaffenskraft, als er sein 2. Klavierkonzert vollendete. Vermutlich begann er 1878 (genau 20 Jahre nach der Beendigung der Arbeit an seinem 1. Klavierkonzert) mit der Komposition, und er war sicher im Sommer 1880 noch damit beschäftigt. Im Juli 1881 erst konnte er jedoch seiner ergebenen Schülerin Elisabet von Herzogenberg mitteilen, „ich habe ein ganz kleines Klavierkonzert geschrieben mit einem ganz kleinen zarten Scherzo“. Brahms hatte die Angewohnheit, seine Musik in witzigen oder absichtlich untertreibenden Begriffen zu charakterisieren. So beschrieb er das neue Werk seinem Freund Dr. Theodor Billroth gegenüber als „ein paar kleine Klavierstücke“. Dieses wahrhaft olympische B-Dur-Konzert ist bekanntermaßen nicht nur eines der technisch anspruchsvollsten Klavierkonzerte überhaupt, sondern auch eines der längsten (eine durchschnittliche Aufführung dauert 45 Minuten).

Es beginnt in ruhigem Duktus, jedoch deutet dies auf den Umfang des noch Folgenden hint. Das „ganz kleine zarte Scherzo“ (das – ganz untypisch für ein Werk dieser Gattung – einen vierten Satz beisteuert) hat eine riesige Anlage und steht zwischen dem ersten und dem langsamen Satz. Das musikalische Material dazu stammt aus einem von zwei aus dem Violinkonzert ausgeschiedenen Sätzen, wobei das Violinkonzert ursprünglich auch als viersätzige Anlage geplant war. Der langsame Satz ist eine getragene Elegie, die mit dem berühmten Cello-Solo beginnt, wohingegen das Finale eine breitangelegter und heiterer Satz ist, der von dem Pianisten und Musikwissenschaftler Donald Tovey wie folgt gut charakterisiert wird: „Wir haben unsere Arbeit getan – lasst unsere Kinder in der Welt spielen, die wir durch unsere Arbeit für sie sicherer und glücklicher gemacht haben.“ Brahms widmete sein op. 83 „seinem lieben Freund und Lehrer Eduard Marxsen“. Als er von der Entstehung des Konzerts erfuhr, schrieb der Dirigent Hans von Bülow dem Komponisten und stellte ihm sein renommiertes Orchester der Meininger Hofkapelle zur Verfügung, wann auch immer er den Wunsch haben sollte, sein neues Werk einmal zu hören. Daher fand der erste Probelauf des 2. Klavierkonzerts in Meiningen statt (und bei der Gelegenheit begann eine lange freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Brahms und Bülow), aber die öffentliche Uraufführung erfolgte dann am 9. November 1881 im Budapester Redoutensaal. Der Komponist spielte den Klavierpart, und Sándor Erkel dirigierte das Philharmonische Orchester Budapest. Gegen Ende des Monats spielte Brahms sein Konzert erneut mit dem Meininger Orchester unter der Leitung Bülows.

Etwa ein Jahr später lernte Bülow in Berlin einen jungen Komponisten namens Richard Strauss kennen und bestellte bei ihm einige Werke für seine Hofkapelle. 1885 ernannte er Strauss zu seinem Assistenten, und ein Jahr später folgte ihm Strauss auf der Hofkapellmeister- Position in Meiningen. Er präsentierte Bülow die Partitur eines einsätzigen Werkes für Klavier und Orchester mit dem Titel Scherzo in d-Moll, das er ihm auch zum Dank gewidmet hatte. Bülow jedoch weigerte sich, das Stück zu lernen, da er es für „unspielbar“ hielt. Dieses Urteil hatte vermutlich etwas damit zu tun, dass Bülows Hände kaum eine Oktave greifen konnten – ein unüberwindliches Hindernis in einem Werk, das mit kräftezehrenden Oktaven superlativische Ansprüche stellt; doch es stellt sich die Frage, warum Strauss für seinen Mentor ein Stück komponierte, das rein physisch so ungeeignet für ihn war. Strauss selbst probte das Werk mit dem Meininger Orchester und dirigierte vom Klavier aus, wobei er den Solopart übernahm. Dann legte er es beiseite und schrieb an Bülow: „Wenn man einen außergewöhnlichen (!) Pianisten und einen erstklassigen (!) Dirigenten hat, wird sich das Stück nicht als der Unsinn durch und durch herausstellen, als den ich es nach der ersten Probe betrachtete.“

Drei Jahre später traf er den großen Pianisten Eugen d’Albert, einen von Liszts bekanntesten Schülern, der sich berufen fühlte, ein bedeutender Komponist zu werden. D’Albert gefiel das Stück, und mit seiner Ermutigung überarbeitete Strauss das Scherzo, nahm einige Striche in der Partitur und Änderungen im Klavierpart vor, benannte es nun Burleske und widmete D’Albert die neue Fassung. Die Erstaufführung fand am 21. Juni 1890 im Stadttheater Eisenach beim Tonkünstlerfest des Allgemeinen Deutschen Musikvereins mit D’Albert als Solist und dem Komponisten am Pult statt.

Als Hans von Bülow in der Zwischenzeit die neue Version gehört hatte, beschrieb er die Burleske in einem Brief an Brahms im Januar 1891 als „genial“, aber auch „erschreckend“. Nichtsdestotrotz dirigierte er das Werk noch im gleichen Monat in Berlin mit D’Albert als Solist. Sogar Strauss selbst blieb unüberzeugt von den Meriten des Stücks, und trotz eines guten Preisangebots eines Verlegers wollte er es nicht veröffentlichen. Erst 1894 willigte er in die Publikation ein.

Warum all diese Zweifel? Humor in der Musik, der für Haydn und Mozart noch tägliches Brot war, wurde für jeden ernsthaften Komponisten im späten 19. Jahrhundert zum Problem. Doch Strauss’ einsätziges Klavierkonzert mit seinen parodistischen Zügen, den unvorhersehbaren Harmonien und der einfallsreichen Rhetorik bleibt ein faszinierendes und eigenständiges Werk, das eine lange Liste von Weltklasse-Pianisten angezogen hat, die den Spuren D’Alberts folgten. Strauss’ Urteil über seine Komposition wurde mit den Jahren auch etwas gemäßigter: Er hatte es auf das Programm des allerletzten Konzertes gesetzt, das er 1947 dirigierte.

Jeremy Nicholas
Übersetzung: Anne Schneider


 (Foto: DRP)

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