Das erste Orchesterfoto der DRP in der Fruchthalle Kaiserslautern 2007 (Foto: Horst Wackerbarth)

"Eins und eins ist eins"

Die Deutsche Radio Philharmonie feiert ihren 10. Geburtstag!

 

Im Sommer 2005 wurde die Fusion von Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken und SWR Rundfunkorchester Kaiserlautern beschlossen. Im September 2007 fanden die ersten Konzerte der neugegründeten Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter der Leitung von Chefdirigent Christoph Poppen statt.

Orchestermanager Benedikt Fohr lässt die Ereignisse rund um den Fusionsprozess Revue passieren – und erklärt, wie Eins und Eins in der Summe Eins ergeben.


Eins und eins ist eins titelte die Saarbrücker Zeitung am 22. Dezember 2004 und fasste damit die seit vielen Monaten innerhalb und zwischen den Sendern SR und SWR stattfindenden Gesprächen über eine Zusammenlegung ihrer beiden Orchester zusammen. Der SR, seit der Jahrtausendwende aufgrund eines geänderten ARD-Finanzausgleichs unter enormem finanziellen Druck, konnte sein großes Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken (RSO) nicht länger aus der internen Spardebatte heraushalten. Nicht, dass es das erste Mal gewesen wäre, dass sich der Sender mit dieser Thematik beschäftigen musste. Selbst nachdem das Unterhaltungsorchester aufgegeben und das Kammerorchester im Rundfunk-Sinfonieorchester aufgegangen war, gab es seit den 60er Jahren in regelmäßigen Abständen immer wieder ein ernsthaftes Nachdenken darüber, ob eine Zusammenführung des SR-Orchesters etwa mit dem Orchester des Saarländischen Staatstheaters sinnvoll sei.

Prof. Peter Voss (SWR) und Fritz Raff (SR), die „Väter“ der Fusion (Foto: DRP)
Peter Voss (SWR) und Fritz Raff (SR)

Nun also wurden die beiden damaligen Intendanten Fritz Raff (SR) und Prof. Peter Voss (SWR) konkret. Alternativ zur möglichen Verkleinerung des RSO fand man im SWR und in dessen Rundfunkorchester Kaiserslautern einen gesprächsbereiten Fusionspartner, denn die programmliche Aufgabe des Orchesters hatte sich verändert. SWR4, das bisherige Heimatprogramm des RO Kaiserslautern, bot mit einem geänderten Programmprofil nicht mehr genug Sendeplätze für das der Operette, Oper und Klassik gewidmete Repertoire des Kaiserslauterner Orchesters. Und die Sendeplätze im Kulturprogramm von SWR2 waren ja bereits von den beiden Sinfonieorchestern des SWR in Stuttgart und Freiburg/Baden-Baden sowie dem SWR Vokalensemble heiß umkämpft. Was lag also näher, als das Notwendige mit dem Nützlichen zu verbinden? Für die Musiker des „kleinen“ RO Kaiserslautern könnten neue programmliche Aufgaben und Herausforderungen hinsichtlich des Repertoires und der Sendeplätze gewonnen werden. Schließlich würde das Orchester nun auch auf SR 2 präsent sein. Und der SR würde durch die Fusion, bei erheblichen Einsparungen im Produktions- und Personaletat, ein großes Rundfunk-Sinfonieorchester erhalten.

Pressekonferenz des fusionierten Orchesters (Foto: DRP)
Die erste Pressekonferenz des fusionierten Orchesters

Bisher völlig außerhalb von dieser, in der saarländischen und rheinland-pfälzischen Öffentlichkeit und Presselandschaft diskutierten schwierigen Situation, die ja zusätzlich und zeitgleich auch ansatzweise Überlegungen einer Fusion des Kaiserslauterner Orchesters mit dem Landesorchester in Ludwigsburg bzw. einen gemeinsamen Orchesterpool aller Rheinland-Pfälzischen Orchester kolportierte, erreicht mich im Frühjahr 2005 der Anruf aus Saarbrücken. Man suche beim SR einen neuen Musikchef und Orchestermanager, der die beiden Orchester aus Kaiserslautern und Saarbrücken zusammenführt. Im Herbst 2005 waren wir uns einig und im Januar 2006 begann meine Arbeit, zunächst als Orchestermanager des RSO Saarbrücken, allerdings mit der Hauptaufgabe, die am 11. Juli 2005 endgültig beschlossene und verkündete Fusion der beiden Orchester in die Realität umzusetzen.

Konkrete Vorgaben, wie denn der Fusionsprozess abzulaufen habe, gab es seitens der Häuser wenige, schließlich gibt es bis heute kein Beispiel einer senderübergreifenden Fusion, an dem man sich hätte orientieren können. Die wichtigste Vorgabe, die von beiden Sendern im März 2006 verabschiedete Verwaltungsvereinbarung, ist auch heute noch Grundlage des Geschäftsbetriebs unseres Orchesters. Sie regelt in erfrischender Kürze die künstlerischen, finanziellen und personellen Bedingungen und Zuständigkeiten für das Orchester, das über keine eigene Rechtspersönlichkeit verfügt. Rein formal ist unser Klangkörper eine „nicht rechtsfähige Arbeitsgemeinschaft“, die von den beiden Sendern SR und SWR sowohl personell als auch finanziell im Verhältnis 2:1 getragen wird. Geführt und kontrolliert wird sie von einem Kuratorium, das paritätisch von beiden Sendern besetzt ist und dem die beiden Intendanten vorstehen. Damit war implizit vorgegeben, dass das neue Orchester nach außen hin selbstverständlich eine geschlossene Einheit – besser „einen Klangkörper“ – bildet, aber im Innenverhältnis die Bestimmungen der jeweiligen Sendeanstalt zu gelten haben: Jeder Musiker und Mitarbeiter behält sowohl seinen Dienstort als auch seinen bisherigen Arbeitsvertrag mit allen tariflichen Rechten und Pflichten. Es ist unschwer erkennbar, dass sich bereits hier ein großer Regelungsbedarf betreffend einheitlicher Arbeits- und Vergütungsmodalitäten abzeichnete.

Das Kuratorium im Juli 2017 (Foto: DRP)
Das Kuratorium im Juli 2017

Eine weitere Vorgabe seitens der Sender war das Budget des neuen Orchesters sowie die Zielgröße mit 87 Stellen, über die das Orchester nach Beendigung des Fusionsprozesses verfügen solle. Dafür gab und gibt es keine zeitliche Vorgabe – der Personalabbau solle „sozial verträglich“ vonstatten gehen, sehr wohl aber wurde erwartet, dass das neue Orchester unter dem Namen „Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern“ mit Beginn der Spielzeit 2007/08 seinen Dienst aufnehmen solle und damit die beiden Vorgängerorchester RO Kaiserslautern und RSO Saarbrücken ihren jeweils eigenen Spielbetrieb einstellen.

Sehr wichtig für den Fusionsprozess war es auch, dass Christoph Poppen bereits im Juli 2005 als neuer Chefdirigent für das Rundfunk-Sinfonieorchester
Saarbrücken ernannt und in Abstimmung mit beiden Orchestern auch gleich zum Chefdirigenten des fusionierten Orchesters gekürt wurde. Das hatte viele Vorteile: Zum einen konnte sich Christoph Poppen während zweier Spielzeiten mit beiden Klangkörpern vertraut machen und die Musiker persönlich kennenlernen. Dies war zu Beginn des Fusionsprozesses, in dem auch eine Ordnung innerhalb der zu formierenden Gruppen gefunden werden musste, von großer Bedeutung. Außerdem konnten Christoph Poppen und ich bereits sehr frühzeitig die künstlerische Planung der ersten Saison 2007/08 angehen.

Ergänzend zu diesen, von der Geschäftsleitung vorgegebenen, maßgeblichen Eckpunkten der Fusion, hatten sich die unterschiedlichen Bereiche der beiden Häuser bereits seit 2005 in einer sogenannten Projektsteuerungsgruppe zusammengetan, um den Regelungsbedarf in ihren jeweiligen Geschäftsfeldern zu benennen. Hier waren insbesondere die Bereiche Personalmanagement, Kommunikation, Multimedia, Honorar und Lizenzen, Justitiariat, Hörfunkarchiv und die Programmredaktionen Hörfunk und Fernsehen eingebunden. Daneben waren auch die Orchestervorstände beider Klangkörper sowie die Personalvertretungen wichtige Partner, die sich in den Fusionsprozess einbrachten.

Im Frühjahr 2006 stellte sich nun allen Beteiligten die Frage, wie mit diesen vielen parallel zu klärenden Prozessen umzugehen sei. Da der Orchestermanager pragmatisch das Ziel der ersten gemeinsamen Konzerte im September 2007 im Auge hatte und bis zu diesem Zeitpunkt „alles stehen“ musste, gingen folgerichtig bis November 2006 die Zuständigkeiten für die meisten Fragen auf ihn über. Konkret bedeutete dies, dass der Orchestermanager, zusammen mit den Geschäftsleitungen bzw. den zuständigen Fachbereichsleitern, die offenen Punkte anging. Oft fand dann die abschließende Klärung respektive Entscheidung durch den Bereichsleiter bzw. durch Kuratoriumsbeschluss statt. Nach und nach übernahmen dann auch die Mitarbeiter in den Orchesterbüros ihre Aufgaben für das neue Orchester, wobei bis zum Sommer 2007 parallel auch der laufende Konzertbetrieb an beiden Standorten zu betreuen war.

Das erste Konzert der DRP in Saarbrücken am 23. September 2007 (Foto: Karin Puslat)
Das erste Konzert der DRP in der Congresshalle Saarbrücken am 23. September 2007 mit Chefdirigent Christoph Poppen und der Geigerin Janine Jansen.

Im Einzelnen waren es unter anderem folgende organisatorische und rechtliche Themenkreise, die ab Januar 2006 angegangen wurden:

  • Entwurf des Organigramms für das Orchesterbüro an zwei Standorten mit den konkreten Stellenbeschreibungen.
  • Erstellung einer Orchesterdienstordnung, die die Arbeitsweise des neuen Orchesters regelt.
  • Wahl des gemeinsamen Orchestervorstandes.
  • Entwicklung einer internen und externen Kommunikations- und Marketingstrategie, sowohl für die Zeit vor der Fusion als auch für das neue Orchester. Dies beinhaltete auch den Entwurf der Logos und einer Corporate Identity.
  • Anpassung der Klangkörper-Tarifverträge (KTV) unter Berücksichtigung der neuen Situation mit zwei verwertenden Sendern SR und SWR.
  • Möglichst weitgehende inhaltliche Angleichung der KTV beider Sender.
  • Definition der Präsenz des neuen Orchesters in den Hörfunkwellen und im Fernsehen, sowohl die Übertragungen als auch die Berichterstattung betreffend.
  • Klärung der Zuständigkeiten der Honorar- und Lizenzabteilung des SR für alle vertraglichen Angelegenheiten des neuen Orchesters.
  • Entwicklung einer Saisonbroschüre und der DRP-Website.
  • Regelung des Beschaffungsprozesses an beiden Standorten.
  • EDV-technische Verknüpfung der Büros in Kaiserslautern und Saarbrücken unter Beachtung zweier getrennter Netzwerke von SR und SWR.
  • Sicherstellung des Ticketing an beiden Standorten.
  • Namensfindung für das neue Orchester.
  • Kontaktaufnahme mit den bisherigen Veranstaltern beider Orchester im Hinblick auf die mögliche Fortsetzung der Zusammenarbeit.

Zusammen mit dem Chefdirigenten Christoph Poppen gab es insbesondere folgende Themenkreise zu klären:

  • Definition des künstlerischen Profils des neuen Orchesters.
  • Interner Aufbau/ Hierarchie in den einzelnen Orchestergruppen.
  • Künstlerische Programmplanung.
  • Aufbau des Proben- und Konzertgerüsts unter Berücksichtigung von Standort, Publikum, Größe der Spielstätten und Gastspielverpflichtungen.
  • Entwicklung von Gastspiel- und Tourneeprojekten für das neue Orchester.
  • Besprechung einer CD-Aufnahmestrategie in Zusammenarbeit mit möglichen Labels.

Bis heute wird die Fusion in beiden Sendern mit hoher Sensibilität als Chefsache angesehen. Dies birgt für die Handelnden sowohl Vor- als auch Nachteile. Gerade zu Fusionsbeginn, als die Musiker zwar bereits in einem gemeinsamen Orchester spielten, aber noch von zwei Orchestervorständen vertreten wurden, war die Versuchung groß, sich bei Unklarheiten oder Unzufriedenheiten schnell in den jeweiligen Hafen zurückzuziehen, sprich, an den Heimatsender zu wenden, ohne in Ruhe eine interne Lösung des Problems zuzulassen. Verstärkt wurde dies bei den „SWRlern“ wegen der gefühlten „Übernahme“ durch die zahlenmäßig überlegenen SR-Kollegen. Erst im Laufe der Zeit, und insbesondere mit der Wahl des gemeinsamen, von allen Musikern ohne eine paritätische Vorgabe gewählten Orchestervorstandes gegen Ende der ersten gemeinsamen Spielzeit, schwächte sich dieses subjektive Empfinden ab und ließ Raum für die positiven Erfahrungen der Fusion und eine damit einhergehende relative Gelassenheit.

Publikum beim Konzert der DRP im Arsenal Metz am 16. November 2012 (Foto: DRP)
Publikum beim Konzert der DRP im Arsenal Metz am 16. November 2012

Nun konnten wir uns, unterstützt durch den neu gewählten Vorstand und mit Rückendeckung der allermeisten Musiker, weiter der Lösung allfälliger Probleme und vor allem der künstlerischen Entwicklung und der Positionierung des Orchesters in den Sendern, aber auch im nationalen und internationalen Konzertbetrieb zuwenden. Der Chefdirigentenwechsel im Jahr 2011 brachte mit Karel Mark Chichon neue Programmschwerpunkte und Änderungen in der Probenarbeit. Die grundsätzliche Vorgabe war nun, weniger Konzerte mit mehr Proben zu spielen. Das Repertoire mit dem neuen Chefdirigenten fokussierte sich auf Werke klassischer und romantischer Komponisten. Unter Christoph Poppen war die Devise hingegen, zu spielen, loszulegen, es sich und den anderen zu zeigen, dass das neue Orchester professionell funktioniert und in der Lage ist, künstlerisch konkurrenzfähig am internationalen Markt zu bestehen. Schon in der ersten Saison spielte das Orchester in Köln, Essen, Frankfurt, Nantes und München. Bereits in der zweiten Saison absolvierte die DRP eine große Tournee durch die Schweiz, fuhr nach Berlin, Luxembourg und Abu Dhabi. Unter Karel Mark Chichon konnte sich das Orchester nach den turbulenten ersten Jahren der Selbsterfindung nun verstärkt der künstlerischen Vervollkommnung widmen. Unterstützt wurde dies durch die beiden wiedereröffneten Sendesäle, nachdem zunächst der SWR-Standort Kaiserslautern, der Emmerich-Smola-Saal (2008-2010), und anschließend der SR-Standort Saarbrücken, der Große Sendesaal (2010-2012), wegen notwendiger Umbau- und Renovierungsarbeiten vom Orchester nicht genutzt werden konnten.

Nach zehn Jahren lässt sich rückblickend feststellen, dass wir glücklicherweise im Vorfeld viele Dinge nicht voraussehen konnten, für die dann recht schnell pragmatische Lösungen gefunden werden konnten. Alle, sowohl im Orchester als auch in den Orchesterbüros, haben trotz persönlicher Belastungen oder Befindlichkeiten letztlich intensiv daran mitgearbeitet, dass es möglichst gut funktioniert. Das heißt im Klartext, dass das Orchester auf einem hohen künstlerischen Niveau spielt. Ohne die gute Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen der beiden Sender und die Unterstützung durch die Geschäftsleitungen wäre es natürlich auch nicht gegangen. Alle zusammen haben dazu beigetragen, dass die beiden Orchester schnell zusammengewachsen sind und dass der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern auch unter ihrem dritten Chefdirigenten Pietari Inkinen eine gute Zukunft bevorsteht. Dafür danke ich allen Beteiligten ganz herzlich.

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