Die drei prägenden Dirigenten der DRP (Foto: DRP)

Die drei prägenden Dirigenten

Die Deutsche Radio Philharmonie feiert ihren 10. Geburtstag!

 

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der DRP erinnern drei Mitarbeiter aus dem Orchestermanagement an die prägenden Dirigenten des Orchesters: die Chefdirigenten Christoph Poppen und Karel Mark Chichon, sowie den verstorbenen Ehrendirigenten und langjährigen ersten Gastdirigenten Stanislaw Skrowaczewski.


„Ich wusste immer, worauf ich mich hier einlasse“ - Christoph Poppen, Chefdirigent 2007-2011

Thomas Sick, freier Mitarbeiter der DRP

Mit Bravour folgte das Orchester Poppen. Geglückter Start in eine neue Orchesterzukunft. – So schrieb die Saarbrücker Zeitung nach der ersten Konzert-Matinée der Deutschen Radio Philharmonie im September 2007.

Im August 2006 war Christoph Poppen Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken geworden und hatte bereits in seiner ersten Saison mit den Sinfonien Felix Mendelssohn Bartholdys und mehreren Werken des zeitgenössischen Komponisten Matthias Pintscher deutliche Akzente gesetzt. Gleichzeitig übernahm er die künstlerische Verantwortung für die Fusionierung des Orchesters mit dem Rundfunkorchester Kaiserslautern zur Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Keine leichte Aufgabe, aber Poppen, selbst ausgebildeter Geiger, Gründer und Primarius des Cherubini-Quartetts, mehrere Jahre künstlerischer Leiter des ARD-Musikwettbewerbs und Chefdirigent des Münchener Kammerorchesters, bewältigte sie in zahllosen Einzelgesprächen und intensiven Proben mit großen Erfolg. Es ist uns gelungen, sagt er im Rückblick, innerhalb kürzester Zeit ein neues Orchester mit einem eigenen Charakter zu formen, dieses Orchester auf dem nationalen und internationalen Konzertmarkt zu etablieren und auch sehr schnell eine starke CD Präsenz zu zeigen.

Poppen engagierte berühmte Solisten wie Janine Jansen, Julia Fischer, Ruth Ziesak, Tzimon Barto oder das Hilliard Ensemble, verpflichtete aber immer auch jüngere Musiker, die am Anfang einer großen Karriere standen. So etwa die Geigerin Isabelle Faust, die in den achtziger Jahren bei ihm studiert hatte und später einmal schrieb: Christoph ist ein Visionär, der immer über seine eigenen Grenzen hinauswächst und auch alle, die in seinem Wirkungsfeld tätig sind, eben dazu anspornt und mitreißt auf der Suche nach der Magie in der Musik. Mit dem jungen Cellisten Johannes Moser spielte Poppen unbekanntere Cellokonzerte von Bohuslav Martinu, Paul Hindemith und Arthur Honegger ein, mit dem Pianisten Florian Uhlig das Gesamtwerk für Klavier und Orchester von Robert Schumann.

Christoph Poppen dirigiert die Deutsche Radio Philharmonie am 12. Dezember 2008 (Foto: DRP)
Christoph Poppen, 12.12.2008

Neben dem gewohnten klassisch-romantischen Repertoire stellte Poppen in jeder Saison einen zeitgenössischen Komponisten als „Composer in residence“ in den Mittelpunkt. So lernte das Publikum in der „Ära Poppen“ zahlreiche Werke von Jörg Widmann (2007/08), Aribert Reimann (2008/09) oder Claude Vivier (2010/11) kennen. Es gibt etwas Urmusikantisches und Spirituelles in Christoph Poppens Musizieren, so der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann, das sich aufs Schönste auf dieses wunderbare Orchester überträgt. Mit Widmanns Messe für großes Orchester und seiner Elegie für Klarinette und Orchester ist eine CD bei ECM erschienen – das Debüt der DRP auf dem CD-Markt. Sämtliche Sinfonien von Mendelssohn und Tschaikowsky unter Poppens Leitung sind bei Oehms Classics erhältlich.
Zusammen mit der Deutschen Radio Philharmonie gab Christoph Poppen Gastkonzerte u. a. beim französischen Musikfestival „La folle journée“ Nantes, im Münchner Herkulessaal, beim Richard Strauss Festival Garmisch-Partenkirchen und bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Regelmäßig gastierte das Orchester mit bekannten Gesangssolisten in der „Belcanto“-Konzertreihe der Alten Oper Frankfurt. Im Oktober 2008 dirigierte Poppen mehrere Konzerte in der Schweiz, ein Jahr später führte er die Musiker auf eine Tournee nach China. Unvergessen bleibt eine beeindruckende Aufführung von Leonard Bernsteins „Kaddish“-Sinfonie mit der Sopranistin Juliane Banse, seiner Ehefrau, dem Schauspieler August Zirner und koreanischen Chören in der Industriekathedrale „Alte Schmelz“ St. Ingbert – ein Konzert, das die Musikfestspiele Saar 2009 eröffnete und auf Arte gesendet wurde.

Christoph Poppen engagierte sich in zahlreichen Gesprächen mit Politikern und der Öffentlichkeit intensiv für den Bau eines neuen Konzertsaals in Saarbrücken – dies war und ist ihm bis heute ein Herzensanliegen. Sein Name steht seit Beginn seiner Dirigentenkarriere für innovative Programmatik und ein breit gefächertes Engagement für zeitgenössische Musik. – So hieß es in der Laudatio, als Christoph Poppen 2010 für seine künstlerische Leistung sowie sein Engagement für die Deutsche Radio Philharmonie und die saarländische Kulturszene mit dem Kunstpreis des Saarlandes ausgezeichnet wurde.


„With admiration and love“ - Ehrendirigent Stanislaw Skrowaczewski

Anne Dunkel, Leiterin DRP Kommunikation

Von einer Klang-und Farbenorgie, die so mit diesem Orchester nur Skrowaczewski zu entfesseln vermag, sprach der Kritiker der Saarbrücker Zeitung 2012 nach der Aufführung der Wagner-Bearbeitung „Tristan und Isolde – an orchestral passion“. Wieder einmal war sie erlebbar geworden: diese besondere, diese tiefe, magische Beziehung zwischen Stanislaw Skrowaczewski und der Deutschen Radio Philharmonie, diese – so ein Musikrezensent – Glückverbindung. Eine Einzigartigkeit der Verständigung, die schon beim ersten Zusammentreffen am 28. April 1978, einem Freitagabend in der Kongreßhalle Saarbrücken, zu spüren gewesen war. Damals lobte der Rezensent den Spielrausch und geistreichen Witz des Orchesters, das man lange nicht mehr so inspiriert erlebt hatte. Das Publikum bereitete dem amtierenden Chefdirigenten des Minneapolis Symphony Orchestra bei seinem Saarbrücker Debüt einen herzlichen Empfang und wie im Zeitungsarchiv nachzulesen ist, schloss die Konzertbesprechung mit dem visionären Wunsch: Man wird Skrowaczewski hoffentlich nicht zum letzten Mal in Saarbrücken erlebt haben. Es war der Grundstein einer jahrzehntelang tragenden Zusammenarbeit, die unvergleichliche Klangerlebnisse kreierte, der unzählige Konzerte, vollständige CD-Zyklen der Sinfonien von Bruckner, Beethoven, Brahms und Schumann zu verdanken sind, außerdem Orchesterwerke des Komponisten Skrowaczewski, die im Auftrag des Saarländischen Rundfunks entstanden und in Saarbrücken uraufgeführt wurden, Fernseh-Produktionen und drei erfolgreiche Japan-Tourneen.

Die Sonderstellung von Stanislaw Skrowaczewski zeigt sich 1994 auch offiziell: In Anerkennung seiner besonderen Verdienste um die Klangkultur des Orchesters, wird er zum Ersten Gastdirigenten des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken ernannt. 2015 folgt, im Alter von 92 Jahren, seine Ernennung zum Ehrendirigenten der Deutschen Radio Philharmonie. Dear Friends – per Fax in der vertraut ikonischen Handschrift – wendet sich der Maestro in englischer Sprache an das Orchester: These quite unexpected news made me extremely happy. I felt deeply honoured and proud, receiving it from this wonderful group of musicians. Since my first concert with the Saarbrücken Radio Orchestra, in the late 1970ies, I admired and loved this orchestra, so now, your decision crowns for me all the years of music making, trying to bring out its beauty, its mystery, its message to reach the infinite? Thank you! With admiration and love – Das ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Deutsche Radio Philharmonie, es ist auch das Credo eines Künstlers, der bis zuletzt eine herausragende Stellung im internationalen Musikbetrieb eingenommen hat und trotz dieser Lebensleistung unermüdlich nach dem Geheimnis, der Essenz der Musik strebte – längst überzeugt davon, dass der tiefste Kern musikalischer Wahrheit in unerreichbarer Ferne liegt.

Stanislaw Skrowaczewski dirigiert Bruckner, Congresshalle Saarbrücken am 29. November 2013 (Foto: Astrid Karger)
Stanislaw Skrowaczewsk, 29.11.2013

Als das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken im Jahr 2007 mit dem SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern zur Deutschen Radio Philharmonie fusionierte, erwies sich das über Jahrzehnte aufgebaute Vertrauensverhältnis auch in einem der entscheidendsten Momente der Orchestergeschichte als zuverlässig. Noch 2006 hatte Skrowaczewski das SR-Orchester auf seine letzte Japan-Tournee geführt. Mit der Gesamtaufnahme der Bruckner-Sinfonien lag ein überragendes Arbeitsergebnis vor, das bis heute als richtungsweisende Großtat in der CD-Geschichte und exemplarisch musizierte Referenzaufnahme gilt. 2011 war es dann schon die von SR und SWR gemeinsam getragene Deutsche Radio Philharmonie, mit der sich Skrowaczewski u. a. in Osaka und Tokio präsentierte. Auf dem Tourneeprogramm standen die Bruckner-Sinfonien Nr. 4 und Nr. 9 und tatsächlich gelang es, die mit Beharrlichkeit erarbeitete Klangkultur auf das neuentstandene Orchester zu übertragen: Nur vier Jahre nach der Fusion schon ein wunderbarer Klangkörper, attestierte die Kritik und schwärmte vom typischen deutschen Klang: dunkel und aus dem Inneren leuchtend.

Mit zwei großen sinfonischen Gesamteinspielungen von Robert Schumann und Johannes Brahms knüpfte Stanislaw Skrowaczewski an die Erfolge der Vorjahre an. Die Deutsche Radio Philharmonie durfte erste Lorbeeren auf dem CD-Markt ernten. Vitalität, Frische, pulsierende Interpretationen sind immer wieder auftauchende Schlüsselbegriffe in den Besprechungen.

Bis zuletzt waren die regelmäßigen Gastdirigate von Stanislaw Skrowaczewski, die übrigens immer wieder einmal auch Werke des Komponisten Stanislaw Skrowaczewski vorstellten, Höhepunkte des Konzertjahres der Deutschen Radio Philharmonie: für das Publikum, das diesen großen Maestro voller Verehrung feierte und für die Musiker, die sich jedes Mal neu herausgefordert und inspiriert fühlten. Der polnisch-amerikanische Dirigent und Komponist Stanislaw Skrowaczewski starb am 21. Februar 2017 im Alter von 93 Jahren in seiner Wahlheimat USA.


Perfektion von Stil und Klang - Karel Mark Chichon, Chefdirigent 2011-2017

Dr. Beate Früh, SR Redakteurin

Als Karel Mark Chichon 2011 zum Chefdirigenten der Deutschen Radio Philharmonie ernannt wurde, sagte er, begeistert über das Orchester: Es gibt keine spannendere und dankbarere Aufgabe, als an der Spitze eines musikalischen Ensembles zu stehen, dem keine Grenzen gesetzt sind in dem, was zusammen erreicht werden kann – ein solches ist die Deutsche Radio Philharmonie. Dieser Enthusiasmus ist spürbar auch in seinen Aufnahmen mit dem Orchester, der Tschaikowsky- und der Dvorák Sinfonien. Hier zeigt sich, worauf er hinauswollte: Entwicklung des Orchesterklangs, Flexibilität, Dynamik, Präzision des Zusammenspiels, romantischer Gestus und Gesanglichkeit.

Überhaupt der Gesang: Für Sänger und Bühnenwerke hat Chichon ein besonderes Faible und so kam es in Saarbrücken zu glanzvollen Aufführungen des Verdi-Requiems und von Puccinis Oper „La Bohème“. Nicht zu vergessen die konzertante Aufführung von Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ bei Gastspielen im Festspielhaus Baden Baden und im Grand Théâtre Genf – mit herausragenden Solisten: Großartige Solisten haben eben auch eine große Wirkung auf ein Orchester! so Chichon. In seiner Ära musizierte er zusammen mit so charismatischen Künstlern wie den Pianisten Rudolf Buchbinder und Elena Bashkirova, dem Oboisten Albrecht Mayer, den Tenören Jonas Kaufmann und Josep Calleja, der Sopranistin Sonya Yoncheva oder der jungen Cellistin Alisa Weilerstein – um nur einige zu nennen. Denkwürdig waren auch die Konzerte mit seiner Frau, dem Weltstar Elina Garanca, und die mit einem Echo Klassik ausgezeichnete CD-Aufnahme „Meditation“ für die Deutsche Grammophon. Immer wieder streute der in Gibraltar gebürtige, spanisch geprägte Dirigent aber auch „heimatliches“ Repertoire von Manuel de Falla, Joaquin Rodrigo oder Zarzuelastücke in seine Programme ein.

Karel Mark Chichon mit der DRP im Arsenal Metz am 18. Mai 2012 (Foto: DRP)
Karel Mark Chichon, Metz, 18.05.2012

Als musikalischer Botschafter wirkte er auf zwei Südkorea-Tourneen des Orchesters, im Gepäck dabei u. a. auch Beethovens 9. Sinfonie. Beethovens Sinfonien, die er immer wieder ins Programm aufnahm, hält er unter orchestererzieherischem Aspekt für unabdingbar: Beethoven ist das tägliche Brot. Es ist für mich sehr wichtig, in jeder Spielzeit mindestens ein größeres Werk von Beethoven im Programm zu haben, denn alle grundlegenden Werkzeuge, die ein Orchester auf technischer Ebene haben sollte, finden sich in Beethovens Musik … vor allem sein perfekter Sinn für Form.

In der Saison 13/14 startete Karel Mark Chichon mit der Deutschen Radio Philharmonie sein „Herzensprojekt“ – die Einspielung der Sinfonien von Antonín Dvorák, von denen vier auf CD erschienen sind (Nr. 1, 3, 4 und 5). Ein „work in progress“, so Chichon: Was dieses Projekt so interessant und aufregend für mich macht, ist die Chance, den Stil und Klang des Orchesters Jahr für Jahr, mit jeder Karel Mark Chichon mit der DRP im Arsenal Metz am 18. Mai 2012 neuen Aufzeichnung, die wir machen, weiterzuentwickeln.

Die internationale Kritik und das Publikum waren begeistert: The best „The Bells of Zlonice“ I know, schrieb das Fanfare Magazin zur 1. Sinfonie. MusicWeb International zeigte sich greatly impressed by this disc in every respect: Much of the credit for this has to go to Karel Mark Chichon who allows the music to speak so freshly and spontaneously […] big-boned, open-hearted music played with sensitivity, brilliance and panache. Temperament, Leidenschaft und Musikalität – damit fasziniert er nicht nur die Konzertbesucher der Deutschen Radio Philharmonie, sondern auch sein internationales Publikum. So dirigiert Karel Mark Chichon regelmäßig an der Metropolitan Opera New York, der Wiener Staatsoper und der Bayerischen Staatsoper München. Verpflichtungen hat er u. a. auch beim Concertgebouworchester Amsterdam, London Symphony Orchestra, NHK Symphony Orchestra Tokyo und Russian National Orchestra.

1971 in London als Kind gibraltarischer Eltern geboren, studierte Chichon an der Royal Academy of Music und assistierte den Dirigenten Giuseppe Sinopoli und Valery Gergiev. Er wirkte als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Lettischen Nationalen Symphonieorchesters (2009-2012) und als Chefdirigent des Grazer Sinfonieorchesters (2006-2009). Im Mai 2017 wurde er zum Chefdirigenten und künstlerischen Direktor des Orquesta Filarmónica de Gran Canaria berufen. In Anerkennung seiner Dienste um die Musik hat die englische Königin Elizabeth II ihn im Juni 2012 zum „Officer of the Most Excellent Order of the British Empire“ (OBE) erhoben. Im Jahr 2016 wurde er zum Fellow der Royal Academy of Music ernannt.

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